Nach einer Ägyptenreise
Pyramide für Hatifa
Der Text entstand im Jahr 2000. Ich fand ihn beim Nachdenken über die gegenwärtigen Diskussionen zum Islam und Islamismus wieder.
01. August 2000.
Die Überraschung ist gelungen. Genau zu der Zeit - also 10:20 Uhr - als meine Frau und ich uns vor 25 Jahren das Ja-Wort gaben - bringt die Stewardess ein Glas Sekt und eine kleine Aufmerksamkeit der Fluggesellschaft.
Über den Alpen stoßen wir an und stellen fest, dass wir bestimmt schon so faltig wie das Gebirge unter uns aussehen. Heike schaut nur mal kurz aus dem Fenster - Flugangst.
Uns stecken noch die 10 Tage Spanien und vor allem die 27 Stunden Busfahrt in den Knochen. Wir hatten wieder als Reiseleiter mit über siebzig Jugendliche die Costa Brava bereist. Wir sind froh gegen 15:00 Uhr endlich auf dem Flughafen in Sham el Sheik auf dem Sinai zu landen.
48 Grad Celsius - uns stockt der Atem. Ein klimatisierter Bus bringt uns die letzten 100 Kilometer in unseren Urlaubsort Dahab am Golf von Akabar.
Glück gehabt mit der Hotelauswahl – unserem Reisebüro sei Dank.
Die Freundlichkeit des Hotelpersonals, der Ägypter ist umwerfend. Jeder Wunsch wird von den Augen abgelesen. Manchmal erfährt man Aufmerksamkeit, selbst dann, wenn man sie gar nicht wünscht. Das Zimmerpersonal - übrigens alles Männer - stellt uns Blumen außer der Reihe ins Zimmer, formt unsere Handtücher zur Herzchen und Schwänen. Selbst die Schmutzwäsche, die wir vergaßen wegzuräumen, wird kunstvoller Raumschmuck. Und das nur, weil wir zu ihnen immer freundlich sind. Wir empören uns über arrogante Europäer.
Am ersten Abend sitzen wir bei Gamal in seinem kleinen Parfümgeschäft und trinken Tee. Wir reden über Ägypten, Deutschland und die verschieden Kulturen. Gamal hatte mehre Jahre im Ruhrgebiet gelebt.
Wir genießen die ersten Tage und faulenzen. Direkt am Strand unter Palmenschirmen sehen wir links über den Golf hinüber nach Saudi-Arabien, rechts liegen die rostbraunen Gebirgszüge des Sinai. Direkt vor uns jagen über 50 Surfer über das Meer.
Es ist ein Surf- und Tauchparadies. Ständig geht ein stürmischer Wind und macht die Hitze am Strand erträglich. Weder Heike noch ich haben Lust auf Action. Wir baden im badewannenwarmen Wasser - wir sind "oben auf' - wegen des starken Salzgehaltes. Wir lesen gemeinsam ein Buch über einen jüdischen Jungen während des 2. Weltkrieges und reden darüber. Wir schlafen viel und genießen die Ruhe.
Wir wissen, dass sich unweit von uns das Katharienkloster in der Nähe des Mosesberg befindet, wo nach biblischer Auskunft Moses vor vielen Jahren die 10 Gebote vom Gottvater diktiert bekommen haben soll. Aber wir fahren nicht hin.
Das erste Gebot lautet: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir". Ich mache mir heute keine Gedanken mehr über diesen absoluten Befehl zu Unterwerfung. Andere Gebote - wie "du sollst nicht stehlen" oder "du sollst nicht töten" finde ich schon von allgemein gültigerer Art.
An einem Nachmittag lassen wir uns auf der offenen Pritsche eines Taxis in den Ort fahren. Wichtigste Instrumente an diesem Fahrzeug sind Gas, Bremse und Hupe. Die meisten anderen Aggregate werden nicht benötigt und funktionieren demzufolge nicht.
Der Ort selbst ist auf zahlende Touristen eingestellt. Überall die freundliche Frage in allen möglichen Sprachen, woher man komme. Meine Antwort "Von den Fidschi-Inseln" wird ungläubig aber freundlich quittiert.
Wir haben eine zweitägige Bustour nach Kairo gebucht. Um 01.00 Nachts geht es mit einem kleinen Bus durch die Wüste nach Kairo. Durchgerüttelt, müde und verstaubt treffen wir um 10:00 Uhr am Ägyptischen Museum ein.
Unser Begleiter Sammy hatte deutsch in einem Institut in Kairo gelernt. Er war niemals woanders als in Ägypten gewesen und erzählt uns von der großen Geschichte der ägyptischen Hochkultur der Pharaonen.
Große Schätze - so die des Tutenchamun - besichtigen wir und sind froh, endlich gegen 13:00 Uhr in einer kleinen Taverne zu sitzen, wo wir etwas zu essen und zu trinken bekommen. Noch freuen wir uns, dass Sammy alle Leute der Restaurants, der Museen und Basare persönlich kennt und für uns immer tolle Preise für Essen, Getränke und Souvenirs aushandelt.
Es geht zum letzten verbliebenen Weltwunder der Antike, den Pyramiden von Gizeh. Wir sind wieder ganz interessiert. Gigantische Ausmaße. Wir fühlen uns klein. Ein Grab für einen Menschen, für einen bedeutenden Menschen der damaligen Zeit, für den Herrscher, den Pharao. Tausende von Menschen haben es gebaut.
Am Fuß der Pyramiden besuchen wir den Phsings - den liegenden Löwen mit Menschengesicht. Sammy erzählt, dass das fehlende Nasenteil in einem Museum in London liegt. Ich frage mich, was es da zu suchen hat und ob es nicht besser hier her zum Löwen gehören würde. Dabei erinnere ich, dass in Berlin ebenfalls viele Kunstschätze lagern, die hier her nach Ägypten gehören. Wie zum Beispiel die berühmte Statue der Nofrete; im Kairo steht nur eine Kopie...
Inzwischen hege ich Zweifel an der Nasen-Geschichte.
Endlich geht es in unser Kairoer Übernachtungshotel, wir essen, reden wenig, verarbeiten die vielen Eindrücke und schlafen.
Nach dem Frühstück geht's nach Memphis, quer durch die Millionenstadt Kairo. Schätzungen zur Bewohnerzahl schwanken zwischen 20 und 50 Millionen. Wir sehen berühmte Marmorstatuen, die ich aus Schulbüchern kenne. Besonders beeindruckt uns ein großer Steinblock, vor dem man Steuererlass bekommen kann. Heike und ich sind uns einig, dass wir unserem Steuerberater eine Reise hierher vorschlagen werden.
Auf dem Weg zu Sakara weist Sammy auf die am Rand stehenden Sehenswürdigkeiten.
Uns fallen immer wieder mehrstöckige Gebäude auf, an denen das Wort "Scole" – „Schule“ geschrieben steht. Sammy erklärt, dass dies Teppichschulen seien, in denen Kinder armer Bauern eine Schulausbildung erhalten. Außerdem eigenen sich kleine Kinderhände sehr gut für das Knüpfen von Seidenteppichen. Uns wird unbehaglich.
Die Sakara sieht aus wie eine Stufenpyramide und ist das älteste der Menschheit bekannte Bauwerk. Ich nehme einen kleinen Stein von der Sakara mit nach Hause und fühle mich an die Nase des Phsings in London erinnert.
Wir betreten einen Grabraum und spüren den Atem alter Kulturen. Draußen bei 40 Grad bieten uns Esel- und Kameltreiber die Dienste ihrer Tier an indem sie rufen "Taxi, Taxi, Hoppi, Hoppi".
Wir sind auf dem Weg zurück nach Kairo - wieder sehen wir viele Teppichschulen. Ziel ist die berühmte Marmormoschee des Mohamed Ali - nicht die des großen Boxers, sondern eines mittelalterlichen islamischen Fürsten. Und wir wollen zur Altstadt, zum Basar.
Auf den Weg dahin schlägt Sammy vor, an einer Teppichschule zu halten. Mit gemischten Gefühlen betreten wir ein Gebäude, das offenbar besser erhalten ist als die anderen Schulen. In einem großen Raum - vielleicht 15 mal 15 Meter - stehen etwa 10 Webstühle. Davor - langsam gewöhnen sich meine Augen an das Dämmerlicht - sitzen Kinder und knüpfen große Teppiche. Ich traue meinen Augen nicht. Einige der Kinder sind nicht älter als 6 Jahre. Auf unsere Frage, wie alt sie seien verschwindet ihr lächeln und sie bedeuten uns, dass sie uns nicht verstehen. Es folgt ein ängstlicher Blick zu einem der Aufseher. Es sind wohl die Lehrer der Teppichschule. Jeder hält einen langen Stock in der Hand.
Mir wird schlecht. Einer der Aufseher erklärt wie Knoten geknüpft werden und zeigt auf das 6 jährige Mädchen. Er hat wohl unsere Frage nach dem Alter verstanden und lügt, sie sei zwölf. Auf meine Frage, wie lange am Tag die Kinder arbeiten müssen, lügt er wieder und sagt 3 Stunden.
Die Kinder lächeln die Touristen an und fordern sie auf, sich zu ihnen zu setzen. Sie knüpfen Fäden und wir sollen es auch tun. Heike hat sich neben einen 13jährigen Jungen gesetzt und zwei Knoten geschlungen. Wie sie auf steht hält er lächelnd die Hand auf. Sie gibt ihm nichts.
Wir hatten bemerkt, dass sofort die Aufseher da waren und den verängstigten Kindern das Geld abnahmen und im leisen aber scharfen Ton die Weiterarbeit befahlen.
Eine Touristin kann von den Aufsehern unbeobachtet ein etwa 10jähriges Kind in ein Gespräch verwickeln. Sie bringt in Erfahrung, dass alle Kinder täglich über 12 Stunden arbeiten müssen. Ich höre noch, wie ein Aufseher vorschlägt nun ins Lager zu gehen, wo man sich Teppiche zum Kauf aussuchen könne.
Ich gehe wütend in den Bus. Ich kann lange nicht sprechen. Plötzlich entlädt sich Empörung über Sammy, der uns nicht versteht. Keiner hat gekauft.
Irgendwie sind die nächsten Stunden die Kinder mit uns im Bus. Sie sitzen zwischen uns und Sammy.
Beim nächsten Halt frage ich Sammy, ob er nicht Lust hätte nach Deutschland zu kommen. Er bejaht begeistert. Ich frage, was er als Muslim machen würde, wenn ich mit ihm dann in einen Schweinestall gehen würde.
Sein Lächeln erstarrt: „Ich würde mich oder dich umbringen!“
Inzwischen wissen wir, dass das 6jährige Mädchen Hatifa heißt. Und ich weiß, dass es keine Pyramide für Hatifa gibt.
Unsere Söhne holen uns vom Flughafen in Berlin ab.
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