Das Chaoszimmer
"Ordnungs"-Prinzipien
Von der Ordnung in einem Kinderzimmer unterscheidet sich die Vorstellung der Eltern von der Vorstellung der Kinder, wie die Weltbilder von Ptolemäus und Kopernikus.
Dabei ist es für die kleinen Kinder und vor allem deren Eltern doch so einfach: Die Welt ist eine Scheibe, die von mächtigen Elefanten getragen wird und gibt es die göttliche Ordnung, wo alles seinen Platz hat und durch göttlichen Willen das Licht an und aus geht.
Wenn die Eltern den Fehler gemacht haben und täglich das Zimmer für das jüngere Kindes aufgeräumt, das Bett gemacht und die Sachen geordnet haben, dann wird das dann elfjährig gewordene Kind verwirrt reagieren, wenn es nun aufgefordert wird, das Zimmer allein aufzuräumen. Die göttliche Ordnung gilt plötzlich nicht mehr. Das Kind ist verunsichert und es folgt meist ein unfruchtbarer Streit über das wie, wann und warum überhaupt. Es bedarf eines langen Atems ein von beiden Seiten akzeptiertes Verfahren zu erreichen.
Manch ein Aufschrei einer Mutter: „Ich bin doch nicht dein Zimmermädchen!“ wird nicht verstanden. Das Kind will doch gar nicht das aufgeräumt wird! Jede von den Eltern eingeführte Ordnung ist vom Kind ungewollt und zerstört den vom Kind geschaffenen Mikrokosmos.
Im Gegensatz zu uns Erwachsenen findet das Kind zielgenau was es sucht. Gelingt das einmal nicht auf Anhieb, dann war es wohl nicht wichtig. War es aber wichtig, dann können sie versichert sein, dass es künftig einen festen Platz bekommt und vom Kind im Dunkeln gefunden werden wird.
Es geht also um die Wichtigkeit der Dinge. Das Lieblings-T-Shirt wird ordentlich glatt über die Stuhllehne gehängt. Die normalen Tagessachen sind über das Zimmer verteilt, befinden sich genau an den Stellen, wo diese vom Körper gezogen wurden und der Schwerkraft gefolgt sind.
Selbst bei größeren Jungen erhält der Begleiter aus vergangener Kinderzeiten, das Kuscheltier, seinen festen Platz und wird dort bis zum Auszug aus der elterlichen Wohnung verbleiben. Wenn da unsensible Freunde oder gar die Eltern meinten, dafür sei er doch wohl nun zu groß, dann kann trotzdem davon ausgehen, dass der dann in den Schrank verbannte Teddy mit in die erste eigne Wohnung des Kindes einziehen wird.
Freuen sie sich, wenn ihr Kind den Fußboden des Kinderzimmers füllt. Es umgibt sich mit Dingen die ihm wichtig sind. Auf gar keinen Fall dürfen sie Bauwerke oder kreativ angeordnete Arrangement beschädigen oder gar beseitigen auch wenn diese Wochen oder Monate ungenutzt und letztendlich einstauben.
Oft gibt es von der Tür nur zwei schmale Pfade. Der eine führt zum Bett und der andere zum Schreibtisch. Die Ideallinie ist also gefunden, wenn sie von der Tür gradlinig am Kleiderschrank vorbei erst zum Schreibtisch und dann zum Bett führt. Die ständig offenstehenden Schranktüren werden leichtfüßig umgangen.
Manchmal aber ändern die Kinder etwas an der Fußbodengestaltung. Es soll Eltern geben, die heimlich in der Nacht direkt vor dem Bett des schlafenden Kindes etwas platzieren. Legosteine bereiten dem Kind Verdruss, wenn es am Morgen verschlafen mit nackten Füßen drauftritt.
Das Bettzeug für einpaar Stunden wegzuräumen oder glatt zu ziehen ist doch genau betrachtet pure Zeitverschwendung. Das Kind findet es richtig so, nach der Schule alles wieder so vorzufinden wie man es verlassen hat. Es fühlt sich heimisch.
Immer wieder werden auch Dinge von draußen mitgebracht, die wie Meteoriten im Kopernikanischen System auf den Fußboden landen. Das Arsenal kann von Schaals, über leere Döschen, schicke Fläschchen, defektes Spielzeug, rostige Nägel oder unbrauchbares Werkzeug, jede Menge Poster, bedeutsame Zeitschriften oder Verkehrsleiteinrichtungen reichen.
Der Sohn unserer Nachbarn hatte zum Glück ein Hochbett, worauf er auch seine Hausaufgaben erledigte. Den Schreibtisch, der sich unter dem Bett befand, konnte er schon seit längerer Zeit nicht mehr nutzen, weil der Zugang dahin mit Kisten und Kartons verstellt war. Die Mutter, eine ordentliche Geschäftsfrau, gewährte mir auf meine Bitte hin einen kleinen Blick ihn das Zimmer und schlagartig änderte ich die Bewertung des Ordnungssystems unserer Söhne. So ähnlich muss es nach dem Urknall ausgesehen haben.
Dass dem aber ein System inne wohnen musste bewies der Nachbarssohn durch ordentliches Auftreten und gute schulische Leistungen. Offensichtlich fand er alles was er brauchte.
Die Situation änderte sich, als die Familie umzog. Der fünfzehnjährige trennte sich rigoros von vielen liebgewordenen Gegenständen und hält seit dem eine beängstigende Ordnung in seinem Zimmer. Ausgelöffelte Jogurtbecher werden umgehend entsorgt und die Bekleidung hängt übersichtlich auf einem Garderobenständer. Vermutungen, dass das vielleicht Mädchen im Spiel gewesen wären, sind spekulativ. Erst Jahre später seien welche in seinem Zimmer zu Gast gesichtet worden – behaupten jedenfalls die Eltern. Wesentlicher waren wohl die gravierenden Veränderungen, die mit dem Wohnungswechsel verbunden waren.
Nun kann man nicht jedes Mal umziehen, wenn einem die Ordnung der Kinder nicht gefällt. Wenn man aber einiges beachtet, dann kann man als Eltern bei der Systemfindung der Sprösslinge für das Universum Kinderzimmer relativ wenig Nerven lassen. Wer von klein auf die Kinder beim Aufräumen einbezogen hat, der wird auch später die Kinder nicht mit der Übertragung zunehmender Verantwortung für das Kinderzimmer überraschen. Außerdem werden sie so die von ihnen bevorzugte Ordnung wie nebenbei vermitteln.
Mit einiger Erheiterung stelle ich heute immer wieder fest, dass unsere erwachsenen Söhne die damals von uns gelebten aber von ihnen vehement abgelehnten Prinzipien – so also auch Ordnungsprinzipien – übernommen haben.
Aber offen gesagt war die Ordnung im Zimmer unserer Söhne oft genug katastrophal und ich griff zum letzten Mittel: ich schloss die Tür.
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